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Pferd ist im Sommer schlapp – Hitze oder steckt mehr dahinter?
- Miriam Leinweber
- 13. August 2024
- 12:21 Uhr
Sobald die Temperaturen steigen, sind oft auch unsere Pferde nicht mehr ganz so leistungsbereit ist wie gewohnt. Das Pferd wirkt träger, schwitzt schneller und viel oder hat beim Reiten deutlich weniger Energie. Tatsächlich beeinflusst Hitze den Organismus eines Pferdes erheblich. Die Wohlfühltemperatur eines Pferdes liegt etwa zwischen 5 und 15°C. Diese Temperaturspanne kann selbstverständlich je nach Alter, Rasse (Herkunft, Dicke des Fells) und Gesundheitszustand variieren. Trotzdem sollte eine ausgeprägte Schlappheit nicht vorschnell allein auf das Wetter geschoben werden.
Pferde verfügen generell über gute Möglichkeiten, ihre Körpertemperatur zu regulieren, doch anhaltende Wärme bedeutet für den Organismus eine enorme Belastung. Beim Schwitzen verliert das Pferd nicht nur Wasser, sondern auch wichtige Elektrolyte. Gleichzeitig müssen Herz-Kreislauf-System und Stoffwechsel deutlich mehr leisten, um die Körpertemperatur konstant zu halten. Besonders an schwülen Tagen oder bei direkter Sonneneinstrahlung benötigen viele Pferde längere Erholungszeiten als im Frühjahr oder Herbst. Dazu kommt in der Sommersaison ein erhöhter Stresspegel durch Bremsen, Fliegen und andere stechende oder nervende Insekten.
Ein gesundes Pferd sollte sich jedoch auch im Sommer nach einer angemessenen Pause wieder vollständig erholen und grundsätzlich aufmerksam, neugierig und bewegungsfreudig bleiben. Wirkt ein Pferd über mehrere Tage dauerhaft extrem müde, lustlos oder verliert sogar seine Freude an der Arbeit, lohnt es sich deshalb, genauer hinzusehen. Auch ein übermäßiges Abnehmen an Körpermasse ist ein Warnsignal. Eine leichte Gewichtsreduktion hingegen ist unbedenklich, da der Stoffwechsel sowie das Herz-Kreislaufsystem in großer Hitze vermehrt arbeiten müssen. Hinzu kommt, dass sich der Stoffwechsel ab Ende Juni, nach der Sommersonnenwende bereits wieder in Richtung Fellwechsel orientiert, was ebenfalls Ressourcen verbraucht.
Pferden mit Athrosen oder einem hohen Muskeltonus mit dem Hang zu Verspannungen, kann der Sommer mit mehr Freigang und dauerhafter Bewegung auf der Weide sowie der Wärme für Muskeln und Gelenken guttun.
Die Hitze kann aber auch wie ein Verstärker für bereits bestehende Probleme wirken. Asthmatiker haben möglicherweise wieder vermehrt Probleme, ausgelöst durch die enge Verbindung zwischen Lunge und Herz-Kreislaufsystem, aber auch der oft mit der Hitze einhergehenden Staubbelastung im Stall und auf der Weide. Hinzu kommt gerade zur Erntezeit eine große Anzahl Staub-, Pollen- und aufgewirbelter Bakterienpartikel aus den Böden in der Luft, die Hustenpferden nicht selten sehr zu schaffen machen.
Kleine muskuläre Verspannungen, Bewegungseinschränkungen oder ein unausgeglichener Trainingszustand fallen bei hohen Temperaturen möglicherweise ebenfalls deutlich stärker auf als an kühleren Tagen. Das Pferd versucht unbewusst, Energie zu sparen und reduziert seine Bewegungsbereitschaft.
Auch Schmerzen zeigen sich im Sommer bzw. in der Hitze oft anders, als viele Besitzer erwarten. Geringe Lahmheiten werden seltener erkannt, da die Pferde sich generell kraftloser bewegen: Sie treten möglicherweise per se schlechter unter, reagieren verzögert auf treibende Hilfen oder lassen sich schwerer biegen. Es fällt den Pferden durch Ihren Energiesparmodus schwerer in die Losgelassenheit zu finden. Von außen entsteht schnell der Eindruck, das Pferd sei einfach unmotiviert. Tatsächlich versucht es möglicherweise lediglich, unangenehme Bewegungen zu vermeiden.
Ein weiterer Punkt ist der Flüssigkeits- und Mineralstoffhaushalt. Gerade Pferde, die stark schwitzen, können erhebliche Mengen an Elektrolyten verlieren. Fehlen Natrium, Kalium oder Chlorid, leidet nicht nur die Leistungsfähigkeit der Muskulatur. Auch die Regeneration verlangsamt sich und viele Pferde wirken insgesamt müde und antriebslos. Frisches Wasser sollte deshalb jederzeit in ausreichender Menge zur Verfügung stehen. Dabei sind die Tränkebecken stets auf eine vermehrte Algenbildung und Verschmutzung zu kontrollieren, da beides zu erheblichen gesundheitlichen Beschwerden führen kann.
Bei stärkerer Belastung oder längeren Hitzeperioden kann auch eine gezielte Versorgung mit Elektrolyten sinnvoll sein. Ein Salzleckstein sollte in jedem Fall auf der Weide und im Stall zur Verfügung stehen oder Salz dem Futter hinzugefügt werden.
Ebenso wichtig ist es, dem Pferd ausreichend Möglichkeiten zur Abkühlung zu bieten. Schattenplätze auf der Weide oder im Paddock sind an heißen Tagen keine Luxusausstattung, sondern tragen wesentlich dazu bei, den Kreislauf zu entlasten. Viele Pferde suchen von sich aus kühlere Bereiche auf und reduzieren ihre Aktivität während der größten Hitze. Gerade im Hochsommer kann es deshalb sinnvoll sein, die Weidezeiten in die frühen Morgen- oder späten Abendstunden zu verlegen oder auf eine Nachtbeweidung überzugehen.
Auch das Training sollte den Wetterbedingungen angepasst werden. Intensive Einheiten in der prallen Mittagssonne belasten den Organismus völlig unnötig. Ein lockerer Ausritt, leichte Gymnastik oder ein Spaziergang sind bei großer Hitze die bessere Wahl als eine fordernde Trainingseinheit. An besonders heißen Tagen ist es kein Zeichen von mangelndem Ehrgeiz, die Belastung bewusst zu reduzieren. Im Gegenteil: Ausreichende Regeneration gehört zu einem gesunden Trainingsaufbau genauso dazu wie die eigentliche Arbeit.
Nach dem Reiten braucht der Körper außerdem Zeit, um wieder herunterzukühlen. Viele Pferde genießen an heißen Tagen eine Dusche. Dabei empfiehlt es sich, die Kühlung langsam zu beginnen und zunächst die Beine zu kühlen, bevor der restliche Körper abgespritzt wird. Der Pferdekörper wird anschließend besser gekühlt, wenn das überschüssiges Wasser nicht mit einem Schweißmesser entfernt wird, sondern am Pferd belassen wird, sofern das Pferd die Wassertrofen nicht als zu kitzelnd und störend empfindet. Auch verschwitztes Fell sollte möglichst sauber gehalten werden, da angetrockneter Schweiß die Haut reizen und Insekten wie Bremsen anziehen kann.
Bleibt die Schlappheit dennoch bestehen oder treten weitere Auffälligkeiten auf, sollte nach der eigentlichen Ursache gesucht werden. Stoffwechselprobleme, Magengeschwüre, chronische Schmerzen oder Erkrankungen der Atemwege können sich bei sommerlichen Temperaturen deutlicher bemerkbar machen. Deshalb ist es sinnvoll, das Pferd nicht nur unter dem Aspekt der Hitze zu betrachten, sondern den gesamten Gesundheitszustand einzubeziehen.
Auch die Muskulatur verdient dabei besondere Aufmerksamkeit. Verspannungen entstehen häufig schleichend und bleiben lange unbemerkt. Gerade wenn der Körper durch hohe Temperaturen zusätzlich belastet wird, können sie sich plötzlich in Form von Leistungsabfall oder Bewegungsunlust zeigen. In der osteopathischen Untersuchung lassen sich solche funktionellen Zusammenhänge häufig erkennen. Ziel ist es, Bewegungseinschränkungen aufzuspüren und den Körper wieder in ein besseres Gleichgewicht zu bringen.
Je nach Befund kann auch Akupunktur sinnvoll sein. Sie wird häufig eingesetzt, um den Organismus bei Stress, muskulären Spannungen oder funktionellen Beschwerden vom Herz-Kreislauf-System oder den Lungen zu unterstützen. Viele Pferde wirken nach einer ganzheitlichen Behandlung wieder bewegungsfreudiger und insgesamt ausgeglichener.
Besondere Aufmerksamkeit ist gefragt, wenn zusätzlich zur Schlappheit weitere Warnzeichen auftreten. Eine ungewöhnlich schnelle Atmung, ein dauerhaft erhöhter Puls, trockene Schleimhäute, Koordinationsprobleme oder ein apathischer Eindruck können auf eine ernsthafte Überhitzung hinweisen. In diesem Fall sollte das Pferd sofort aus der Sonne genommen, behutsam gekühlt und der Tierarzt gerufen werden. Besonders betroffen sind hier alte Pferde.
Nicht jedes müde Pferd im Sommer ist krank. Genauso wenig sollte eine deutliche Schlappheit jedoch einfach mit den hohen Temperaturen erklärt werden. Wer sein Pferd aufmerksam beobachtet und kleine Veränderungen ernst nimmt, erkennt oft frühzeitig, wenn mehr dahintersteckt. Denn Hitze allein macht ein gesundes Pferd zwar etwas ruhiger – sie sollte ihm aber nicht dauerhaft die Freude an der Bewegung nehmen.